Freitag, 29. Juli 2011

Nur mit Topflappen

Nach nahezu zwölf Jahren Dauerbenutzung verabschiedeten sich mein Backofen, meine Mikrowelle und mein Kühlschrank binnen kurzer Zeit, fast gleichzeitig. Vermutlich meinten sie, mich mit so einer konzertierten Aktion zu einem Rundumschlag verleiten zu können, was ihnen auch gelang. Ich sagte mir, wenn schon so eine komplexe Erneuerung ansteht, dann aber richtig! Also wurde der Maler bestellt, das halbe Haus ausgeräumt und die gemeinschaftliche Restmülltonne gefüllt, außerdem verbrauchte ich Unmengen biologisch abbaubarer Putzmittel und denke jetzt immer, ich bin in einer fremden Wohnung – aber nee, eigentlich wollte ich ja was ganz anderes erzählen! 

Ich durchforstete also das Internet, um Ersatz für meine verblichenen Küchengeräte zu finden. Bereits vier Tage nach der Bestellung standen drei riesige Kartons vor meiner Tür. Während der Haushaltsgerätemonteur sich mit den schicken Geräten abmühte, studierte ich die Bedienungsanleitungen. Häufig taugt diese Beschäftigung ja für unterhaltsame Familienabende. Ähnlich war es auch diesmal. Bereits die Anleitung zur Benutzung des Einbaubackofens bescherte mir ein Wechselbad der Gefühle.

„Benutzen Sie das Gerät ausschließlich zum Zubereiten von Speisen.“
Ja, was dachten die denn, wozu ich einen Backofen kaufe? Zum Sockentrocknen? Zum Rösten von Hanfkeksen? (Fallen die eventuell unter „Speisen“? Oder sind das Rauschmittel?)

„Erwachsene und Kinder dürfen das Gerät nicht unbeaufsichtigt bedienen, wenn sie körperlich oder geistig nicht in der Lage sind.“
Das stürzt mich in Zweifel. Wer befindet darüber, ob ich in der Lage bin, die versenkbaren Knöpfe zu drehen? Ich beschließe, diesen Punkt nach hinten zu schieben. Mal sehen.

„Nie Speisen mit großen Mengen an hochprozentigen alkoholischen Getränken zubereiten. Alkoholdämpfe können sich im Garraum entzünden. Verwenden Sie nur kleine Mengen hochprozentiger Getränke und öffnen Sie die Gerätetür vorsichtig.“
Das ist ja schon sehr problematisch. Hätte ich doch einen Backofen aus dem höherpreisigen Segment kaufen sollen? Was denken die sich eigentlich dabei, solche ungenauen Angaben zu machen? Was sind große und kleine Mengen? Ich beschließe spontan, das Gulasch künftig lieber im Garten über dem offenen Feuer zu kochen. Da kann auch bei drei Flaschen Rotwein nichts passieren. Und ich werde mich bei meiner Gebäudeversicherung erkundigen, ob die Verwendung von Wein zum Kochen unter grobe Fahrlässigkeit fällt. Außerdem ist es ja voll blöde, wenn ich teuren Barolo an mein Gulasch kippe, und dann soll ich die Ofentür aufmachen und der gute Tropfen verdunstet einfach!

„Nie heißes Zubehör oder Geschirr ohne Topflappen aus dem Garraum nehmen.“
Ach DAS war es! Ich bin erleichtert! Der neue Ofen wird sich schnell amortisiert haben, ist doch bisher ein Großteil meiner Einnahmen in der Apotheke für Verbandmaterial draufgegangen, weil ich immer die glühend heißen Töpfe mit bloßen Händen herausgenommen habe. Ich bin aber auch zu blöd!

„Kleine Farbunterschiede an der Backofenfront ergeben sich durch verschiedene Materialien, wie Glas, Kunststoff oder Metall.“
Wie jetzt, die kriegen das tatsächlich nicht hin, Glas, Metall und Plaste in derselben Farbe zu produzieren? Und ich habe mich über den Pfusch gewundert und wollte das Gerät schon zurückschicken! Das sieht ja auch zu komisch aus, mit diesen verschiedenen Schattierungen! Silbern und schwarz und so.

Nein, bei Lichte besehen bin ich doch froh, daß ich mir die Mühe gemacht und all die Anweisungen durchgelesen habe. Inzwischen ist der Monteur auch fertig mit dem Einbau. Es sind allerdings ein paar Schrauben übrig, hoffentlich sind die nicht wichtig. Kann ja sein, die Garantie erlischt, wenn ich eine Schraube locker habe…


P.S. Mein Sohn ergänzt, daß der erste Satz in der Bedienungsanleitung seines neuen Netbooks lautet: "Werfen Sie dieses Gerät nicht ins Feuer!", worauf meine Tochter ergänzt: "Du mußt Dir ja aber bewußt machen, daß das nicht da drin stünde, wenn es nicht schon mal jemand getan hätte!" 
Mir fällt wieder der Hinweis bezüglich des Topflappens ein...

Mittwoch, 20. Juli 2011

Spinat II

Vor einigen Jahren hatten wir Hunger auf Welt. Deshalb bewarben wir uns beim Institut für Interkulturelle Kommunikation und wurden Gasteltern für Studenten aus verschiedenen Ländern. So kam auch Yuki zu uns.
Japaner sind besonders. Sie gelten als höflich. Im Alltag sieht man das zwangsläufig anders. Japaner sind sehr nett und immer bemüht, keine Umstände zu machen. Das macht es umständlich. Ein Japaner sagt niemals ‚nein‘. Er  sagt nicht, wenn ihm etwas nicht gefällt oder nicht schmeckt. Man muß es ahnen. Fühlen. Erraten. Ein Japaner würgt Thüringer Klöße in sich hinein, unterdrückt dabei den Brechreiz und sagt noch nickend, es schmecke guuuuut. Er sitzt vergrämt am Frühstückstisch und ißt nichts. Auf die Frage, was er denn gern zum Frühstück möchte antwortet der Japaner: „Ich esse, was Du ißt.“ He, Frage falsch gestellt! Ein Japaner äußert keine persönlichen Wünsche. Es muß heißen: "Was ißt man denn in Japan zum Frühstück?" Die Antwort lautet begeistert: Gemüsesuppe! Hühnersuppe mit Gemüse! Oder so. Ansonsten essen Japaner sehr viel. Fast alles. Fast. "Tier" nämlich nicht. "Tier"? Unsere Fleischlieferanten werden in zwei Kategorien geteilt: "Tier" und "Essen". Angehörige der Kategorie „Tier“ ißt man natürlich nicht.
Ich war mit Yuki im Tiergarten in Eisenberg. Dort gab es auch einen Kinderbauernhof. Yuki zeigte begeistert auf Kaninchen, Puten, Ziegen, Pferde, Esel, Perlhühner und Tauben und sagte, das seien Tiere. Schweine, Rinder und Hühner hießen „Essen“. Das erklärte uns ihr Entsetzen, als es am Abend zuvor Putenbrust gab. Puten sind in Japan große bunte Vögel im Zoo und selten, sagt Yuki. Erst unsere Behauptung, Puten seinen große, weiße Hühner, und sie lebten massenhaft auf Bauernhöfen, konnte sie zum Essen bewegen.
Später kamen wir zum Freigehege der Großvögel. Da lief auch irgend so ein Laufvogel herum. Emu, Nandu, Strauß, keine Ahnung, Das Viech machte einen Haufen. Groß. Grün. Wir starrten fasziniert darauf. Der Vogel drehte sich um und beäugte begeistert seine Hinterlassenschaft. Es handelte sich um einen sattgrünen Haufen, in dem knallgelbe Maiskörner prangten. Sie wissen, wie Straußenvögel etwas beäugen, das sie interessiert? Das Viech starrte also abwechselnd mit dem rechten und dem linken Auge auf den Haufen und begann dann, die Maiskörner herauszupicken. Yuki stand da, wie zur Salzsäule erstarrt und beobachtete fasziniert das Geschehen. Dann schüttelte sie sich angeekelt und rief immer wieder: „Iiiiie. Iiiie!“
Ganz ehrlich: Der Haufen sah aus wie eine Portion Spinat. Statt mit Rührei halt mit Mais, Hauptsache gelb. Und grün. Wie Spinat eben. Mit viiiieeel Eisen.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Spinat I

Meine frühesten Erinnerungen an Spinat auf meinem Teller reichen nicht wirklich weit zurück. Jedenfalls nicht bis in meine Kindergartenjahre. Ich erinnere mich nur an Schulspeisungsspinat, mit absolut schnittfestem Rührei dazu. Das gehörte bei den meisten meiner Mitschüler zu den unbeliebtesten Gerichten. Mir hat es geschmeckt, aber ich war da pervers, ich habe auch gern Lungenhaschee und Grützwurst ("Tote Oma") gegessen. 
Meine Mutter hat, soweit ich mich erinnere, zu Hause niemals Spinat aufgetischt, nur mein Vater. Mit einer Prise Muskat und etwas Reibekäse, für mehr Würze. 
In welcher Form der Spinat in der DDR in den Handel kam, weiß ich nicht mehr. Vermutlich waren das gefrorene Blöcke in Plastetüten? (Ich bin für Hinweise dankbar!)
Nach der Großen Befreiung lag dann der Spinat mit dem Blubb in der Gefriertruhe. Anders als der Schulspeisungsspinat schmeckte der zwar auch nicht, aber jegliches Experiment verbot sich, da mein Mann keinen Spinat mochte. Bis 2003.
In jenem Jahr waren wir zu einer Hochzeit in Italien eingeladen und reisten anschließend noch ins Piemont. In Turin aßen wir in einem winzigen Lokal zu Abend, in dem es nur 12 oder 16 Plätze gab und keine Speisekarte, weil der Wirt nur ein Menü im Angebot hatte, zu dem er sich beim täglichen Einkauf auf dem Markt spontan inspirieren ließ. Mein lieber Mann war nicht sehr glücklich, als das Hauptgericht genannt wurde: Fisch auf Blattspinat, im Papierpäckchen. Mangels Alternative hieß die Devise: Augen zu und durch!  Und siehe da: Das Gericht war ausgesprochen lecker und steht seither häufiger auf unserem Speiseplan.
Wie ich darauf komme, im Blog über Spinat zu schreiben? Unsere Verbraucherministerin hat mich dazu inspiriert. Sie empfiehlt, ganz aufgeklärt, Gemüse nur abgekocht zu essen und zählt auf: Gurken, Tomaten, Salat.
Ich meine, Schmorgurken sind ja schon ein grenzwertiges kulinarisches Erlebnis, aber gekochter Salat? Frau Aigner, bitte, ist Ihnen überhaupt bewußt, welches Kindheitstrauma Sie da bei Millionen von ehemaligen DDR-Schulspeisungskindern auslösen? Wie soll man denn bitte gekochten Salat so gestalten, daß das Gericht eßbar wird?  Da helfen weder Muskat noch Parmesan.
Ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren. Also her mit den Kochsalatrezepten! Die besten werden hier veröffentlicht!

Sonntag, 27. März 2011

Licht aus!

Gestern Abend wollte sich Jena an der weltweiten Earth Hour zum Energispartag beteiligen. Leider war es auch um halb zehn noch lampenhell, aber viel interessanter war, was sich Vorfeld der Aktion an meinem Telefon abspielte.
Leichtsinnig hatte ich in der Presse mit dem besonders dunklen Nachtwächterrundgang geworben, was einige Leute zu mehr oder weniger erregten Anrufen bei mir veranlaßte.
Zuerst meldeten sich zwei ältere Damen, die sich besorgt erkundigten, wie lange denn der Strom weg wäre, sie bekämen Besuch und hätten den Kühlschrank voller Lebensmittel.  
Dann folgte der Clou: Eine Mittfünfzigerin (der Stimme nach) beschimpfte meinen Mann, was ihm einfiele, ihr den Strom abzuschalten. Nur weil sie HartzIV-Empfängerin sei, könne man sowas mit ihr nicht machen, sie werde sich beschweren, und überhaupt: Geld nach Afrika schicken, aber nichts für die eigenen Bürger übrig haben! Das lasse sie sich nicht länger gefallen etc. Mein armer Mann kam gar nicht zu Wort.
Ist es nicht erstaunlich, wieviel Frust man anstauen kann, so daß man am Ende eine ganz einfache kleine Zeitungsmeldung sooo sehr mißversteht?

Freitag, 25. März 2011

Altersheim

Zu meinem 40. Geburtstag bekam ich Post. Von der Krankenkasse. Sie teilte mir mit, daß ich ab nun, herzlichen Glückwunsch übrigens!, berechtigt sei, die Altersvorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen. Boing! Das war der Wink mit der Keule: 
Mädchen, Du wirst alt!
Es hat Jahre gedauert, bis ich den Schock vergessen habe, aber nun kam es noch schlimmer: Die Marie-Seebach-Stiftung aus Weimar schrieb mir. Ich wolle doch sicher meinen Lebensabend in stilvollem Ambiente verbringen, und das würde ich im neuen "Haus Sophie", das die Stiftung jetzt eröffnet, tun können. 
Ins Altersheim! Ich! Leute, ich bin gerade mal 46!
Aber halt! Was lese ich da? Es handelt sich um eine Einrichtung für ältere Menschen, die in irgendeiner Weise dem Theater, der Kunst und Literatur verbunden waren? Eh, die sehen mich als Künstler an, na immerhin, das ist ja mal eine Adelung! 
Dabei fällt mir dieser geniale Krimi mit Kurt Böwe ein:
In einem Altersheim wohnen ehemalige Schauspieler, Dichter, Musiker. Das Essen ist vom Feinsten, vier-Sterne-Küche, mindestens, täglich Kulturprogramme, es geht sehr mondän zu. Das Geheimnis der Finanzierung ist, daß verstorbene Insassen in die Kühlkammer kommen, bis dort alle acht Plätze belegt sind. Das Heim bezieht die Rente stillschweigend weiter. Stirbt ein weiterer Heimbewohner, der neunte sozusagern, wird derjenige der acht aufgetaut und für soeben verstorben erklärt, der die niedrigste Rente bezieht. Die Sache geht gut, bis Kurt Böwe auftaucht und den Heimbetreibern auf die Schliche kommt. Aber immerhin gibt er ihnen dann die Gelegenheit, die Sache still und leise zu bereinigen: Die Heimleitung setzt die aufgetauten Leichen in einen Kleinbus, der dann - ohne Fahrer - eine Böschung hinunterkippt, und, Überraschung!, leider kommen alle acht Insassen bei dem Unfall ums Leben. Der Film war köstlich. Kernsatz Böwes:
"Wenn der Staat nicht dafür sorgt, daß seine alten Menschen einen angemessenen Lebensabend verbringen könnten, muß man ja auf solche Ideen kommen!"
Und ich werde mich jetzt mal hinsetzen und ausrechnen, wieviele Stadtführungen ich noch machen muß, um mir in 20 Jahren ein Doppelzimmer im Haus Sophie leisten zu können, denn meinen Mann nehme ich natürlich mit!

Samstag, 12. März 2011

Guttenberg als Baby

Das deutsche Urheberrecht verbietet es leider, Fotos aus dem Inneren von Kirchen und Museen ohne Erlaubnis der Kirche oder des Museums zu veröffentlichen. Das ist in meinem Fall hochgradig schade. Denn ich habe heute auf Schloß Tenneberg im Puppenmuseum eine zu-Guttenberg-Miniatur entdeckt.

Schloß Tenneberg liegt oberhalb Waltershausens, also ganz nahe bei Gotha. In Waltershausen wurden bis 2003 Puppen hergestellt, zuletzt vor allem sehr, sehr schöne und hochwertige Künstlerpuppen, mehrstenteils für den Export nach Übersee.
Es gab da auch Puppen mit Grammophon im Bauch, die ersten Sprechpuppen, außerdem verschiedene Negerpuppen in Hotelboy-Livree oder Strohröckchen, die das Bild, das man zu ihrer Zeit von dunkelhäutigen Menschen hatte, sehr fein widerspiegeln.
Und eine große Puppe, die einen Kinderwagen bei sich hatte, in dem - Karl Theodor lag! Eindeutig, er war es! Die Gesichtszüge unverkennbar, dazu das schwarze, wie gelackt wirkende Haar! Jetzt stellt sich die Frage, wie der dahin kommt! Und wie man diesen Fakt bekannt machen könnte. Das wäre so gut für Schloß Tenneberg, wenn da die Massen hinpilgerten, all die Millionen Anhänger des Schummelbarons! Man könnte Repliken dieser Puppe herstellen und verkaufen, damit wäre vielleicht die Puppenmanufaktur wiederzubeleben! Und von den Eintrittsgeldern für die Sonderausstellung könnte man das Schloß weiter restaurieren.
2010 hat es den Denkmalspreis des Thüringer Kultusministeriums erhalten.

Freitag, 11. März 2011

Lommerweg-Geschichten (2)

Jetzt schummle ich mal. Aber nur ein bißchen. Also:
Vor zwei Tagen fuhr ich mit dem Fahhrad am Ufer entlang, der Weg war schmal und ich bemerkte ein älteres Ehepaar, das mir entgegenkam. Händchenhaltend, was ich herzerweichend fand. Vielleicht war es das, was mich bewog, abzusteigen und den beiden Platz zu machen. Aber in genau dem Moment, als ich abstieg, traten beide zur Seite und der Mann sagte lächelnd: "Sie brauchen doch nicht abzusteigen, es ist doch genug Platz für uns alle!"
Ich gebe es zu: Es muß seeeeehr blöd ausgesehen haben, wie ich da mit offenem Mund stand und ihn anstarrte. Zuerst vermutete ich einen Hörschaden bei mir, aber dann fügte seine Frau an:"Sie machen es richtig: Eine Radtour bei diesem herrlichen Wetter! Viel Spaß noch!"
Verdattert schaute ich den beiden hinterher.

Wo ich jetzt geschummelt hab, möchten Sie wissen? Ich bin tatsächlich mit dem Fahrrad am Ufer entlanggefahren. aber es war nicht das Ufer der Lommer in Jena, sondern das der Spree, im Carl-Blechen-Park in Cottbus.

Und ich verrate Ihnen auch, wie diese Begenung in Jena an der Lommer abgelaufen wäre:
Ich fahre mit dem Fahhrad am Ufer entlang, der Weg ist schmal und ich bemerke ein älteres Ehepaar, das mir entgegenkommt. Die beiden blicken mir finster entgegen und versuchen gar nicht erst, zur Seite zu gehen, sondern der Herr bleibt stehen, breitet die Arme aus und faucht:"Hier ist kein Radweg, los, runter vom Fahrrad, aber dalli!" Die Frau keift dazu:"Eine Frechheit ist das, unverschämt!"
Ich lächle tapfer:"Wenn ich vielleicht vorbei dürfte?" "Hier is nich für Fahrräder, hier is ein Fußweg", brüllt der Herr. "Das stimmt nicht, da vorn ist ein Schild, bitte schauen Sie nach. Und jetzt lassen Sie mich bitte weitergehen, das ist sonst nämlich Nötigung!" Er tritt zur Seite, ich steige auf, fahre weiter und höre die beiden noch lange hinter mir her schimpfen.
Finden solche Menschen wirklich nur als ehrenamtlicher Verkehrserzieher Befriedigung?

Samstag, 5. März 2011

Lommerweg-Geschichten (1)

Straßen heißen ja oft nach berühmten Leuten. Plätze auch, aber das ist momentan ein heißes Thema in Jena, in das diverse Lobbyisten verstrickt sind, also lassen wir das lieber und bleiben bei Straßen und Wegen. 
Hinter unserem Haus fließt ein Bach, und an dessen Ufer verläuft der Lommerweg. 
Straßennamen bilden, wenn man konsequent nach ihrem Namensgeber forscht. Über Horst Lommer kann man sich in Wiki informieren.
Auf diesem unseren Lommerweg könnte man so lauschig ins Zentrum gelangen, wenn nicht... Ja, wenn es nicht diese schrecklichen Fußgänger gäbe!
Heute radelte ich gemütlich auf die Katharinenbrücke zu, als mir von dort zwei etwa siebenjährige Mädchen entgegenkamen, artig nebeneinader. Pötzlich fingen sie an zu spielen, rannten nebeneinander, rückwärts blickend und mir fast ins Fahrrad. "Eh, guckt mal bitte nach vorn!", rief ich ihnen zu. In diesem Moment kam der Opa unter der Brücke hervor, stellte sich mir in den Weg, griff nach meinem Lenker und fauchte: "Wenn Sie die Mädchen umfahren, fliegen Sie in die Leutra!" Da er meinen Lenker festhielt, mußte ich absteigen. Freundlich fragte ich ihn, ob ich ihn eben richtig verstanden habe, ob er mir tatsächlich gedroht habe, mich in die Leutra zu schubsen. Nein, er habe mich nur gewarnt. 
Da er vor Wut schon blau anzulaufen begann verzichtete ich darauf, ihm den semantischen Unterschied zwischen Warnung und Drohung zu erläutern und fragte ihn stattdessen, ob er nicht ruhiger leben würde, wenn er seinen Enkelinnen erklärte, wie man sich im Straßenverkehr verhält, statt sich an fremden erwachsenen Frauen als Verkehrserzieher zu versuchen. 
"Sie haben hier abzusteigen!" brüllte er nun. "Warum?" fragte ich neugierig. Das fiel ihm gerade nicht ein, daher versprach ich ihm, wieder einmal vorbeizukommen, bis dahin wisse er es vielleicht.
Wie langweilig wäre eine Fahrt in die Stadt, wenn man einfach nur geradeaus fahren müßte! Aber gerade diese spannenden Hindernisse in Form von verbitterten und verbiesterten Cholerikern machen jede Tour zu einem kleinen Abenteuer. Da ich finde, daß diese erzählenswert sind, weil ihnen eine ureigene Komik innewohnt, folgt das nächste hier demnächst als Teil 2.

Mopsig

Ich muß schon wieder ein Geständnis machen: Ich liebe Möpse. Möpse sind knuffig.
Heute stand ich nach einem frischen Brot an, als ein Hund an mir vorüberlief, der mir ein fröhliches Grinsen entlockte. Haargenau die stolze Figur eines klassischen Mopses (klassisch heißt, er war relativ schlank und hochbeinig), auch die Fellfarbe war genau die eines Mopses, aber er hatte eine richtige Schnauze und langes, seidiges Fell. Auf meine Frage, ob das ein Mops-Westi-Mischling sei, antwortete die Halterin, nein, ein Mops-Schnauzer. Also ein Schnops, oder ein Mauzer, stellte ich fest. Die gesamte Wartegemeinschaft brach in lautes Gelächter aus.
Der Hund war so witzig schön, daß ich auf dem gesamten Heimweg vor mich hin grinste.
Fazit: Der richtige Hund kann richtig gute Laune machen!

Donnerstag, 3. März 2011

Karl Theodor, der Lügner

Die gegelte Bundesbügelfalte, Karl Theodor von und zu, Schummel-Kalle also, ist zurückgetreten.
Ich gestehe öffentlich: Ich finde das gut. Nicht, weil er beim Schreiben seiner Dissertation geschummelt hat, das machen vermutlich viele, sondern weil er, als man darauf gekommen war, so elend schlecht gelogen hat.
Also mal ehrlich: Ein Minister, der sooo schlecht lügt, nee, das geht ja überhaupt nicht! Und dann schiebt er auch noch sein kleines Kind vor! Das ist ja schon beinahe Mißbrauch! Er war so übernächtigt, der Arme daß er gar nicht bemerkte, wie er halbe Bücher und Zeitungsartikel abschrieb!
Ich kann voller Stolz behaupten, auch kleine Kinder gehabt zu haben, sogar zwei Stück, nur 438 Tage lagen zwischen ihrer Geburt, aber dermaßen geistig ausgestiegen war ich nie.
Erstaunlich ist auch, daß ihm ein großer Teil der deutschen Bevölkerung noch immer nachweint. Der arme Karl Theodor! Nun ist er so schön adelig, verfügt also traditionell über eine sehr eingeschränkte genetische Vielfältigkeit, und da passiert ihm sowas!
Dann kommt auch noch die böse, böse Presse und setzt ihn mit einer negativen "medialen Betrachtung" unter Druck, so sehr, daß er zusammenbricht. 
Zum Glück. Denn wer weiß, wie lange er sonst noch gelogen hätte.
Klugerweise erfolgt dieser Zusammenbruch nicht bereits am 28. Februar, sondern erst am 1. März. Das sichert ihm für einen weiteren Monat sein volles Gehalt, sonst hätte er nur 14.098€ Übergangsgeld erhalten.
Traurig ist aber, daß die adelige Pomadenmischung (Danke, Herr Pispers!) sich noch immer als Opfer der Presse fühlt. 
Jetzt wünsche ich ihm von Herzen, daß im Schlaf die gute Fee zu ihm kommt, den Schleier der Realitätsverdrängung von ihm nimmt und ihn wieder heile macht.

Freitag, 11. Februar 2011

Martyrium oder Martyrologium?

Wissen Sie, was ein Martyrologium ist? Wenn Sie da jetzt automatisch an Ihr Bügelbrett   denken, liegen Sie mit satten 100% daneben. Auch die auszuräumende Spülmaschine  ist damit nicht gemeint und auch kein anderes bekanntes Martyrium. 
Ein Martyrologium ist ein Buch bzw., um bibliothekarisch korrekt zu sein, meist ein Kodex, also eine gebundene Handschrift, in der die bis dahin heiliggesprochenen Personen aufgeführt werden. Man findet darin Namen und Lebensgeschichten und, wie es bei mittelalterlichen Handschriften oft üblich ist, phantasiereiche und bunte Illustrationen. Ein Leser dieses Blogs fügte an, daß diese "Comics der Torturen" in ihrer Zeit als Teil der Hochkultur galten, während sie heute vermutlich auf dem Index der jugendgefährdenden Schriften landen würden.  
Die meisten dieser Martyrologien sind auf Latein abgefaßt, und es sind nur sehr wenige deutschsprachige Exemplare bekannt und erhalten.
Eines davon befindet sich, naaaaa? Wo? Klar doch, in unserer Jenaer Universitäts- und Landesbibliothek. Weil es aber so wertvoll und selten ist, kann man es natürlich nicht einfach so ins Regal stellen, zur Benutzung für jedermann. Wohl aber ins Internet – für jedermann.
Neugierig geworden? Dann gibt es hier einen Link zum Klicken. Gehen Sie dann oben einfach auf "Buchansicht". Zum Blättern ziehen Sie die Seiten mit gedrückter Maustaste zur Seite. Wenn Sie auf die blauen Punkte klicken, sehen Sie die Transkription und eine Bilderklärung. Oben können Sie z.B. Ihren Geburtstag eingeben und erfahren dann, welcher Märtyrer an Ihrem Ehrentag sein Leben aushauchte
Viel Spaß beim Stöbern!

Donnerstag, 10. Februar 2011

Guter Sex

Es gibt Tage, an denen das Zeitunglesen besonderen Spaß macht. Es sind nicht die, an denen man sich über mangelnde Kenntnis der Grammatik bei den Redakteuren ärgert, sondern die, an denen man klar erkennt, daß der verantwortliche Chefredakteur einen gaaanz dunklen Moment hatte. Zwei Beispiele folgen hier:
Glühwein für Kinder: Spende für "Hauen ist doof"
Klasse, oder? Der Verein "Hauen ist doof" bekommt Glühwein spendiert. Zum Sedieren der Kinder? Hauen sie sich dann weniger?
Noch besser, aber auch ziemlich makaber, ist folgende Überschrift in der Familienzeitung "Nido":
Guter Sex mit kleinen Kindern
Oh, ehm, da bleibt einem ja fast das Lachen im Halse stecken. (Gemeint ist natürlich, daß junge Eheleute trotz kleiner Kinder noch Zeit und Muße für ... einander haben sollten.)
Aber mal ehrlich: Pennen die in den Redaktionsitzungen?
Wenn Sie auch solche Beispiele kennen: Her damit! Ich lache gern.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Wunder gibt es immer wieder...

...sang Katja Ebstein vor 41 Jahren. Solche Wunder geschehen auch ab und zu in Jena.
Noch vor drei Monaten hieß es aus den ganz oberen Etagen der Jenaer Stadtverwaltung, Jena wolle keine Lutherstadt werden (siehe "Presse" und auch hier im Blog, weiter unten), und heute frohlockt mein Herz beim Zeitunglesen: "Jena will in die Gemeinschaft der Lutherstädte"!
Ich will den Sinneswandel auch gar nicht hinterfragen, nicht, daß es sich da jemand noch anders überlegt!
Einfach stillhalten und genießen, lautet die Devise.

Dienstag, 4. Januar 2011

Gold Glanz


Mir gehen seit ein paar Tagen zwei Gedanken nicht aus dem Kopf:

Am Silverstertag stand ich an der Fischtheke und wartete auf das Einpacken des Karpfens. Mein Blick fiel auf einen Berg Lachsfilet, das mit Blattgold überzogen war. 
Wozu?
Wie schmeckt Gold?

Später im Fernsehen lief ein Bericht über ein Superschiff für 6000 Passagiere. Plus 2000 Mann Personal. Das Schiff war so groß wie drei Fußballfelder. Der überflüssige Luxus an allen Enden war unbeschreiblich, aber was mir wirklich die Sprache verschlug war der Wellnessbereich. Da lag eine behäbige ältliche Frau auf einer Pritsche und ließ sich für US$ 350 das Gesicht mit Blattgold belegen. 
Nutzen oder Wirkung: Null.

Ich bin nicht neidisch, wenn jemand viel Geld hat und sich damit ein schönes Leben macht. Aber bitte, wozu muß man sich das Mittagessen und die Pickel auf der Nase vergolden?
350 Dollar reichen für drei Monate Klavieruntericht. Die würden sicher auch der dicken Alten nicht schaden!

Freitag, 24. Dezember 2010

Lametta

Es ist Heiligabend. Die Geschenke sind ausgepackt, die Freude ist groß, Kerzen brennen, der Abend geht nun fast zu Ende und man sitzt still im Lichterglanz und denkt ein wenig zurück. Wie war das früher, am Weihnachtsabend? Der Christbaum steht still und funkelt vor sich hin, das Licht der Kerzen zaubert Reflexe auf die roten Kugeln und auf die glitzernden Lamettafäden. Lametta. Mir fällt beim Blick auf den Baum immer wieder eine Geschichte ein.
Im Sommer 1971 sind wir in eine neue Wohnung gezogen. Ein fünfstöckiger Plattenbau, mein kleines Paradies, denn ich hatte zum ersten Mal ein eigenes Kinderzimmer. Es sollte auch mein einziges bleiben, denn wir sind nie wieder umgezogen. Erst jetzt, nach 40 Jahren, tauschen meine Eltern diese Wohung gegen eine mit Fahrstuhl.
Voller Freude sahen wir dem ersten Weihnachtsfest im neuen Heim entgegen. Und groß war der Schreck, als am Heiligen Abend der Baum geschmückt wurde, und keine Lametta im Haus war! Lametta mußte sein, also half alles nichts, meine Mutter klingelte, sich vor Peinlichkeit windend, bei den Nachbarn. Kein Problem, die hatten eine Packung übrig, und es war nicht das DDR-Lametta aus Aluminium, das ja auch immer ganz schön war, wie es so silberweiß am Baum hing, sondern sie gaben uns eine Packung echten West-Lamettas, aus dunkler Bleifolie, das hing schwer und glänzend am Baum und sah wirklich ganz anders aus. Es war so ein Schatz, daß es nach Neujahr einzeln, Faden für Faden, vom Baum gesammelt und in eine Serviette gewickelt wurde. 1972 hing es wieder am Baum, sorgsam Faden für Faden aufgehängt. Und 1973 wieder, und auch 1974 und überhaupt, jedes Jahr. Ich will nicht übertreiben, aber ich behaupte, es wurde in den 40 Jahren nur eine einzige Packung Lametta nachgekauft, weil doch ab und zu mal ein Faden verloren ging oder beim Absammeln zerriß.
1988 schmückte ich unseren ersten eigenen Baum. (Unser eigenes Christkind hieß Maximilian und war gerade 12 Tage alt.) Vorsorglich hatte ich mir aus dem Westen eine Packung Lametta schicken lassen, das schwere, dunkle, mit dem bleiernen Glanz. Dieses Lametta hängt noch heute an unserem Baum. Ich habe es jedes Jahr wieder abgesammelt, Faden für Faden, und ich habe bisher noch keines nachgekauft.
Auch das ist Tradition, oder?

Sonntag, 5. Dezember 2010

Hartes Brot

Es ist Winter. Es ist schon früh dunkel. Und es ist kalt. Hoch-Zeit für Weihnachtsfeiern. So steht der Nachtwächter nahezu täglich "Hellebarde bei Fuß", oftmals auch zwei- oder gar dreimal hintereinander, auch bei fetten Minusgraden. Da waren die zwei Semester Sprecherziehung vor mehr als 20 Jahren doch nicht für die Katz', denn drei oder gar viereinhalb Stunden am Stück laut sprechen und singen, bei naßkaltem oder kalttrockenem Wetter, das muß man erst einmal können! 
Das Kostüm muß stimmen, auch wenn es sehr kalt ist. Dabei hat sich ein Schwachpunkt herauskristallisiert: die Schuhe. Vielleicht sollte man es doch mal mit Holzpantinen versuchen, darin kann man sicher endlos viele dicke Socken tragen. Auf der anderen Seite ist es schrecklich, wenn man ordentlich dick eingepackt ist, kein klitzekleines Bißchen friert, aber eine zitternde und bibbernde Gruppe vor sich hat. Kann sich jemand vorstellen, wie es ist, wenn einem zwanzig Leute gegenüberstehen und auf der Stelle hüpfen? Man fühlt sich so schuldig. 
Aber der nächste Termin kommt. Unerbittlich. Bei jedem Wetter. Egal, wie spannend der Film im Fernsehen ist. Dann heißt es wieder: Warme Sachen sortiert bereitlegen. Laterne und Kerzen, Streichhölzer, Horn und Hellebarde, Karten und Wechselgeld vorbereiten. Handy einschalten. Pünktlich am Treffpunkt sein. 
Doch halt! Heute gibt es eine Feuergaukelei mit Schluck aus dem Hexenkessel. Da müssen noch sechs Liter Glühwein heißgemacht, abgefüllt und am Treffpunkt bereitgestellt werden. Bei so viel Schnee und mit so viel Ballast kann ich nicht mit dem Fahrrad fahren. Das Auto muß gestartet werden. Schnee? Glatteis? Shit happens!
Der Glühwein muß abgeliefert werden. Dann kommt man nach zwei Minuten zurück zum Auto und stellt fest, daß die Herrschaften vom Ordnungsamt noch keinen Feierabend haben. Ein orangefarbener Zettel schmückt das Auto. (Danke!) Das hat ganze zwei Minuten auf einem Parkplatz in einer Fußgängerzone gestanden. (In der Einmündung zu meiner Straße gibt es eine Sperrfläche, weil man sonst nur schwer einbiegen kann. Auf dieser Sperrfläche stehen immer Autos, manchmal tagelang. Da habe ich noch nie einen Strafzettel gesehen.)
Weiter geht es! Die nächste Aufgabe lautet nun: Find einen legalen Parkplatz für Dein Auto!
Am Ende ist alles geschafft und der Nachtwächter bzw. dessen Weib steht lächelnd bereit, die Nachtschwärmer zu empfangen. Die sollen von dem vorhergegangenen Streß nichts merken. "Hört Ihr Leut und laßt euch sagen..." 
...es ist ein hartes Brot!

Montag, 15. November 2010

Where have all the colours gone

In Cottbus gibt es ein nahezu einhundert Jahre altes Schulgebäude, einen wunderschönen Klinkerbau, der vor einigen Jahren mit hohem finanziellen Aufwand denkmalgerecht saniert wurde. Dann kam ein Investor und baute ein riesiges, häßliches, klobiges Einkaufszentrum in die Mitte der Stadt. Dazu wurden andere Bauten weggerissen, die das Zentrum geprägt hatten, die raffinierte Fußgängerbrücke zum Beispiel, oder das "Sternchen", die geliebte Eisdiele meiner Kindheit. Beinahe wäre auch die Schule ein Opfer moderner Gigantomanie geworden, aber Bürgerproteste haben das verhindert. Kürzlich verirrte ich mich in diese Einkaufsmeile und war entsetzt: Rechts und links fand ich die diversen, aus allen Städten bekannten "Kettenläden", einen neben dem anderen, mit offenen Fronten, also ohne Türen, und überall war es drinnen - schwarz! Es war einfach nur schwarz. Meterlang reihten sich schwarze Jacken, Mäntel, Ponchos, Pullover, Troyer, Jacketts, Blazer, Anoraks und andere Überbekleidung aneinander. Abwechslung brachten allenfalls ein paar anthrazitfarbene Stücke. Fröstelnd machte ich kehrt.
Als ich heute beim ersten Novemberregen durch das graue Jena ging, erinnerte ich mich daran. Denn ich sah   - nur Schwarz! Schwarze Jacken, schwarze Mützen, schwarze Hosen. Nicht einmal die kleinen Kinder, die mir begegneten, trugen bunte Mützen. Kein bißchen Farbe hellte das triste Bild auf. Wo sind nur all die Winter hin, in denen man rote, orangefarbene, blaue oder gar gelbe Jacken sah, Farbtupfer im grauen Novembernebel?.
Wo sind die Farben geblieben?
(Wer sie findet, darf sie bei mir abgeben!)


Das Bild ist von Karin Pietschmann, Leipzig.

Samstag, 6. November 2010

Alles Luther oder was?

Ich muß noch einmal zu Luther zurückkehren, "aus gegebenem Anlaß", wie es so schön heißt:
Was macht eine "Lutherstadt" aus? 
Daß Luther dort einmal ein Disputation hielt? (Marburg)
Einmal seine Thesen erläuterte? (Heidelberg)
Daß sich eine Stadt als erste in einer bestimmten Region zu seinen Lehren bekannte? (Nordhausen)
Daß er dort einmal auf der Burg saß und auf den Ausgang eines Reichstages wartete? (Coburg)
Sicher sind das alles berechtigte Gründe, Lutherstadt zu werden. 

Aber wie wäre es hiermit:
Luther hat in dieser Stadt gepredigt. (Jena)
Luther hat in dieser Stadt in einem Hotel genächtigt und dabei inkognito mit Studenten aus der Schweiz diskutiert. (Jena)
Luther hat in dieser Stadt hier eine Disputation mit Andreas Bodenstein, Karlstadt genannt, gehalten, der seine Gemeinde in Neustadt/Orla hatte und dort eifrig wirkte. (Jena)
Luthers Grabplatte befindet sich in dieser Stadt, weil es nach dem Verlust von Torgau im Schmalkaldischen Krieg keinen würdigeren Platz gab, sie aufzubewahren, als diese Stadt, die man auch "das wahre Wittenberg" nannte. (Jena)
Der Reformator Erhard Schnepf, der Luther seit der Thesenerläuterung in Heidelberg zugetan war, kam an die neu gegründete Universität als Hebräischprofessor, wurde in dieser Stadt Superintendent und liegt in St. Michael begraben. (Jena)
Nikolaus von Amsdorf, erster protestantischer Bischof in Naumburg, befürwortete die Gründung einer Universität in lutherischer Tradition in dieser Stadt. (Jena)
Kanzler Brück berichtete bereits im Januar 1522 dem sächsischen Kurfürsten, man habe in dieser Stadt am Weihnachtstag 1521 das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht.  (Jena)
Der Nachlaß Georg Rörers, des Assistenten und Reisebegleiters Luthers, der jeden Seufzer und jedes Bonmot Luthers aufzeichnete, liegt in der hiesigen Universitätsbibliothek, mit vielen Mit- und Nachschriften von  Predigten, Vorlesungen, Tischreden, Abschriften von Lutherbriefen, Protokollen der Bibelrevisionssitzungen... (Jena)
Und weitere wertvolle Lutherana liegen hier: das September- und Dezembertestament, die ersten Ausgaben des AT und NT, die erste gedruckte vollständige Lutherübersetzung der Bibel von 1534, die Büchersammlung, die Luther als akademischer Lehrer an der Universität zu Wittenberg eifrig nutzte inklusive seiner persönlichen Bibel-Handexemplare. 
Ebenso wie die Biblioteca Electoralis, die private Bibliothek Friedrichs des Weisen. 
Nicht zu vergessen die auflagenstarke Lutherausgabe aus dieser Stadt von 1555.
Wieviele Argumente braucht man noch um zu sehen, daß diese Stadt hier, Jena, die wahre Lutherstadt ist? 
Ein Leserbriefschreiber meinte kürzlich, es sei doch nur ein Zufall der Geschichte gewesen, daß die Grabplatte Luthers in Jena steht. 
Nein! Der Zufall war, daß sie 1549 nach Weimar kam, wo sie immerhin 22 Jahre blieb, ehe man der Meinung war, das benachbarte Jena sei doch weit geeigneter für ihre Aufbewahrung, weshalb sie der Weimarer Herzog der Universität schenkte. Das war ein bewußter Akt, kein Zufall.


Ich bin der Meinung, dieses Jena ist mehr Lutherstadt als so manch anderer Ort, der diesen Titel tragen darf! Dabei bleibe ich. 

Hier stehe ich und kann nicht anders.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Amtshilfe in der Residenzstadt Greiz

Dunkle Nächte gibt es auch anderenorts, zum Beispiel im einst kleinsten Fürstentum Deutschlands, in Greiz. Das war, obwohl wirklich winzig, sogar noch geteilt, weshalb es zwei Residenzschlösser gibt, das Obere und das Untere Schloß. Auf dem Oberen Schloß treibt sich zuweilen der dortige Nachtwächter herum und erzählt den Nachtschwärmern, die ihm zu nächtlicher Stunde über den Weg laufen, allerlei unterhaltsame Geschichten. Neulich begegnete ihm sogar der Jenaer Nachtwächter bzw. dessen Weib, das sich zu Besuchszwecken in der Residenz aufhielt. Beide erfuhren allerhand Spannendes über des anderen Nachtwächters Leid und Freud, und die mitlaufenden Gäste kamen auch auf ihre Kosten.

Montag, 25. Oktober 2010

Wo geh'n die Touristen hin...

...ja, ja, ich weiß: Es muß heißen "Wohin gehen die Touristen...", aber dann kann man es nicht zur Melodie "Where have all the flowers gone" singen.
Künftig gehen sie wohl nach Kahla, denn dort entstehen in den nächsten knapp drei Jahren die "Porzellanwelten", vermutlich nach dem phantastischen und wirklich besuchenswerten Vorbild der Swarovski-"Kristallwelten" in Wattens, Tirol. Für das Städtchen Kahla dürfte damit ein Aufschwung einsetzen, der sich sehen läßt - im wahrsten Sinne des Wortes. Viele Touristen wollen auch viel essen, wollen übernachten (ohne Bettensteuer!!), ein wenig bummeln. Letzteres wird in dem Städtchen noch reizvoller, wenn es mit den dann hoffentlich üppig fließenden Steuergeldern weiter saniert werden kann. 
Und Jena? Schaut aus der Ferne zu! Denn Jena ist ja kein Ort für Touristen, wie man neuerdings aus der Presse erfährt. Schade, daß sich dieser verheerende Nonsens in den letzten Jahren in vielen Jenaer Köpfen festgesetzt hat und den Blick vernebelt! Sonst könnte man ja glatt auf die Idee kommen, in Jena eine analoge Attraktion zu errichten, zum Beispiel die "Glaswelten"!

Samstag, 23. Oktober 2010

Little Boxes. Kein Platz im Paradies

Nicht nur die Spatzen pfeifen es von den Dächern, nein, auch die lokalen Blätter haben es bemerkt: Es ist eng im Paradies. So eng, daß viele Studenten zum Wohnen in die netten kleinen Provinzstädtchen im Umland ausweichen oder im Kofferraum ihres Autos nächtigen müssen. (Das ist ja auch mal eine Art von Luxus: kein Dach überm Kopf, aber ein Auto!) 
Nun schieben sich alle involvierten Institutionen und Gremien den Schwarzen Peter zu. Dabei gibt es eine einfache Lösung, die auch unserem Stadtrat gefallen müßte, könnte er doch dafür wieder einen kollektiven Ausflug machen, so wie im Sommer, als es darum ging, Argumente gegen die biologische Wasseraufbereitung im Ostbad zu finden. Diesmal könnte man sogar nach Amsterdam fahren! Dort haben die Verantwortlichen ein Studentendorf gebaut, aus gebrauchten Frachtcontainern. Die kosten 1200€ pro Stück und bieten 30m² Wohnfläche. Nachlesen kann man das hier.
Selbst wenn man nochmal das Doppelte für Ausbaukosten draufpackt, hat sich das nach rund eineinhalb Jahren amortisiert. Das ist genau die Wartezeit auf einen Container-Wohnplatz in Amsterdam.
Hoffen wir, daß die Spatzen in Jena noch ein wenig lauter pfeifen, damit die Verantwortlichen endlich aufwachen!

Freitag, 15. Oktober 2010

Wann wird Jena Lutherstadt?

Im Fernsehen wurde eben vermeldet, daß nun auch Nordhausen in die Reihe der Lutherstädte aufgenommen ist. 1522 sei dort evangelisch gepredigt worden. Hallo??? Hier in Jena wurde bereits im Dezember 1521 das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht! In Jena gibt es Luthers originale Graplatte, in Jena fand die erste protestantische Neugründung einer Universität statt, und schließlich: Jena wurde doch nicht von ungefähr "das wahre Wittenberg" genannt!
Wer, in Gottes Namen, verschläft hier eine Chance nach der anderen? Wer sieht nicht, welches Potential in diesem Titel steckt? Endlich weg von der Lichtstadt, hin zu einem touristischen Magneten! Mit Geschichte kann man punkten, jedenfalls bei dieser Zielgruppe, und Reformationsgeschichte ist spannend, bildet doch die Reformation nicht umsonst eines der möglichen Abschlußkriterien für die Epoche, die man Mittelalter nennt.

Das Jahr 2011

Das Jahr 2011 hält Großes für uns bereit: Es wird in allen drei mitteldeutschen Bundesländern, also in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, Landesausstellungen geben.
In Weimar wird vom 24. Juni bis 31. Oktober an Franz Liszt erinnert, dem das Jahr 2011 auch als Themenjahr gewidmet ist. 
Mit dem Naumburger Meister befaßt sich die Ausstellung vom 29. Juni bis 2. November in Naumburg, und in Görlitz geht es vom 21.Mai bis zum 31. Oktober um die große, alte Handelsstraße, die Via Regia.
Viele Gelegenheiten also, ein wenig durch die Lande zu reisen und seinen Horizont zu erweitern! 
(Man kann stattdessen natürlich auch eine Stadtführung mit Jena4you buchen...)

Dienstag, 12. Oktober 2010

Sensation: Jena 2000 Jahre alt

Da bahnt sich eine kleine Sensation an und der lokale Blätterwald schweigt!
Der Mathematiker und Astronom Claudius Ptolemäus zeichnete um 150 mit bunter Tinte die gesamte damals bekannte Welt auf 26 getrocknete Tierhäute. Er nennt Gebirge, Flüsse, Inseln und 94 "poleis", Städte, deren Lage er mit Längen- und Breitengraden bis auf wenige Bogenminuten genau angibt. Dabei stützte er sich vermutlich nur auf die Wegbeschreibungen römischer Legionen.
Da die Kartographie damals jedoch noch in den allerkleinsten Kinderschuhen steckte, unterliefen Ptolemäus Fehler: Er verknüpfte seine Teilkarten nicht richtig und machte beim Übertragen der Daten von der Kugelgestalt der Erde auf die Kartenfläche Maßstabsfehler.
Nun hat ein Team von Spezialisten in Berlin in sechsjähriger Arbeit die Karte entzerrt, die Methode heißt "geodätische Deformationsanalyse" (siehe "SPIEGEL", 39/2010). 
Das Ergebnis ist eine kleine Sensation. Auch für Jena. Das gab es damals nämlich schon, und es hieß "Bicurgium".
Zu diesem Namen weiß Wikisource:
Bicurgium (Βικούργιον), Stadt im inneren Germanien bei Ptol. II 11, 14. Lage unbestimmt, Name verderbt aus -burgium?
Und wenn das etwa von zwei Burgen herrührt, an denen der Ort lag, hat unser Stadtarchäologe Herr Rupp jetzt gaaaanz viel zu tun!

P.S. Ich suche gerade in meiner Bibliothek nach einem passenden Bild und liefere es nach.

Montag, 11. Oktober 2010

Am anderen Ende der Doppelstadt

Jena und Weimar sind ja die "zwey Enden einer großen Stadt". Deshalb will Jena4you auch einmal an das andere Ende schauen. Dort ist nämlich eben vom Kammerchor der Musikhochschule "Franz Liszt" die offizielle CD zum Liszt-Jahr 2011 herausgegeben worden. So brilliant und rein hört man diese Motetten sonst wohl nur selten. Es ist geistliche Musik vom Feinsten. Aber auch schwere Kost, nicht zum Nebenbei-Hören. 
Daß die CD im Handel auftaucht, ist eher unwahrscheinlich, da die Auflage mit 2500 Stück sehr gering ist. Wer es dennoch versuchen möchte, wendet sich am besten an marketing@hfm-weimar.de. 

Jena4you gibt aber keine Erfolgsgarantie, es ist nur ein Insidertipp, so von einem Ende der Stadt an das andere...

Dienstag, 5. Oktober 2010

Die Zeitmaschine

In meiner Kindheit war es Adolar in der ungarischen Zeichentrickserie "Heißer Draht ins Jenseits", der eine Ahnung von der Funktion einer Zeitmaschine aufkommen ließ, später wurde "Zurück in die Zukunft" zum Filmhit.
Am letzten Sonntag fand gleich eine doppelte Verschiebung der Zeitebenen statt, denn ich reiste in die Zeit der Reformation zurück und wurde zu Anna von Herden, wo mich dann Klaus, der Kloß besuchte, der mir aus der Zukunft nachgereist kam. Nachlesen kann man das hier.

Freitag, 24. September 2010

Klaus der Kloß

Bernd das Brot kennen alle. Der komplette Gegensatz zu Bernd ist Klaus der Kloß: Nicht griesgrämig und miesepetrig kommt er daher, sondern charmant und fröhlich. Daher hat sich Jena4you entschlossen, eine Begegnung zu arrangieren.
Wenn also die Reisewege aus dem Westen Thüringens am 3. Oktober passierbar sind, was man ja angesichts von möglichen Wegelagerern oder Wetterkapriolen vorher nie weiß, dann wird Klaus der Kloß einen Missionierungsversuch bei Anna von Herden starten, die an diesem Tag als Wirtin des Gasthauses "Sonne" am Jenaer Markte ihren Gästen über die reformatorischen Wirren vor rund 500 Jahren berichtet. Da sie noch keine Kartoffeln kennen kann, in der Kloßköchin aber eine Konkurrentin sieht, könnte das ein interessantes Aufeinandertreffen werden! Aber Vorsicht, Anna! Früher mußten zänkische Weiber zur Strafe den Stein tragen!

Beginn des Reformations-Kostüm-Erlebnisrundganges (Wow!) ist um 15 Uhr am Marktbrunnen.
Reservierungen wie immer unter Tel. 03641 448658.

http://www.klaus.derkloss.de/index.php

Dienstag, 21. September 2010

Dunkle Nacht mit Feuerschein

Die Tage werden kürzer, die Nächte dunkler, die Winde kälter. Es wird höchste Zeit, sich auf wärmende Feuer und Glühwein zu freuen. 
Beides bekommen Sie, wenn Sie 2010 die vielleicht im vergangenen Jahr verpaßte Gelegenheit wahrnehmen, dem Nachtwächter in der Adventszeit zu folgen. An drei Abenden wird Ihnen dabei eine echte Hexe begegnen, die in ihrem Kessel einen Hexentrank braut. Wenn Sie nett sind und der Hexe bei ihren Feuergaukeleien ordentlich applaudieren, dürfen Sie kosten!
Näheres unter Termine auf www.jena4you.de.

Samstag, 18. September 2010

Unser Buch ist da!

Unser Buch wurde gestern erfolgreich der Öffentlichkeit präsentiert. Wir hatten mit ein paar zwangsdelegierten Presseleuten gerechnet, stattdessen ist recht zahlreich die Jenaer Einwohnerschaft erschienen und hat den bereitgelegten Bücherstapel vom Tisch in Nullkommanichts weggekauft. Aber das Buch ist wirklich gut geworden! Ich meine, es ist ja bald Weihnachten und Herr Philler in der Jenaer Bücherstube am Johannistor freut sich über zahlreiche Kunden...
Das Buch kann auch direkt bei uns bezogen werden. Manchem Leser liegt etwas an einem signierten Exemplar! Und bei einer Gruppenbuchung ist so ein Buch (oder zwei, oder drei...) eine schöne Dreingabe.