Samstag, 4. Juli 2015

Loch an Loch, und hält doch!



Als ich sieben Jahre alt war, brachte mir mein Vater aus Dresden, wohin er regelmäßig wegen seines Fernstudiums fuhr, einen sandfarbenen Cordanzug mit. Ein wunderschönes Stück, wirklich etwas Besonderes für damals, als alles knapp war. Ich habe den auch lange getragen, aber irgendwann war die Jacke zu klein und die Hose wurde zu kurz. Da aber das Breitenwachstum noch nicht so massiv eingesetzt hatte, konnte man die Hose verlängern. Das war damals „in“, so um 1974 herum. Man verlängerte nicht verschämt, mit farblich möglichst passendem Stoff, sondern auffällig – mit Blümchenstoff oder in einer Kontrastfarbe. Im Fall meiner sandfarbenen Cordhose nähte meine Mutti rotes Kunstleder an, mindestens 10cm.
Später wurde es uncool, geflickte, ausgebesserte, angesetzte oder mit eingenähten Keilen geweitete Klamotten zu tragen. Warum eigentlich? Noch 25 Jahre zuvor war es Usus, aus Vatis Uniformmantel zwei Kindermäntel zu nähen, aus einem abgestürzten Fallschirm ein schickes Kleid, aus alten Röcken wenigstens noch eine Vorbindeschürze und so fort. Alte Stricksachen wurden wieder aufgetrennt, die Wolle sorgsam zu neuen Knäueln gewickelt und erneut verstrickt. Und das Nähen von Decken oder Wandteppichen aus Stoffresten war schon vor 2000 Jahren beliebt.Und plötzlich schämte man sich für ausgebesserte Kleidung?
Inzwischen sind viele Jahre vergangen, und es ist so, wie meine Oma immer gesagt hat: Es kommt alles wieder! Immer öfter sehe ich zugenähte Löchlein in  T-Shirts, geflickte Hosen, genähte Dreiangel. Warum auch nicht, warum soll man eine ganze Hose wegwerfen, wenn sie nur ein kleines Loch hat oder wenn sie vom Radfahren ein bißchen dünn geworden ist? Also bringen wir unsere Sachen zum Flicken. Jaaa, gut, ich könnte das auch selbst, das haben ja die Frauen früher auch gemacht, aber erstens habe ich dafür keine Zeit, zweitens keine Lust und drittens gibt es ja die Zuverdienst-Werkstadt der Aktion Wandlungswelten, wo geschickte Hände nähen und flicken.
Neulich haben wir wieder eine Tüte voller Hosen dort abgegeben, die entweder am Saum ausgefranst oder irgendwo durchgescheuert waren. Eine brachte unser Sohn vorher zu uns, sie hatte Löcher. Auf der Tasche und am Oberschenkel und am Knie. Unsere Tochter schaute sich die Hose an. „Das ist doch nicht Deine!“ „Doch. Wessen sonst?“ „Nee, die paßt Dir niemals!“ Das Geschwistergeplänkel zog sich, aber schließlich wurde die Hose mit abgegeben. Vorgestern holten wir sie wieder ab. Erneut betrachtete unsere Tochter das gute Stück nachdenklich: Die Löcher waren fein säuberlich mit farblich passendem Jeansstoff unterlegt und durchgesteppt, es sah wirklich gut aus. Perfekt. Das war wirklich höchste Flickkunst! „Nee“, schüttelte sie den Kopf, „die paßt dem niemals!“ Plötzlich stutzte sie, schaute sich die Hose nochmal an, den Bundknopf, den Reißverschluß, die Taschen…. “Das ist doch eine Frauenjeans!“ Es folgte der Griff zum Telefon: „Du sag mal, erinnerst Du Dich an die Jeans, die wir für Dich zum Flicken gegeben haben? Kann es sein, daß die Hose von Deiner Freundin ist?“ Es folgte eine lange Stille. „Na ja, das würde zumindest erklären, warum die seit zwei Wochen ihre Jeans sucht!“
Danach ging zwei Stunden nichts mehr. Wir kugelten uns vor Lachen bei der Vorstellung, wie sich die Näherinnen vermutlich gefragt haben, wie man sich seine Hosen an diesen Stellen zerreißen kann! Und wie wird erst die Freundin dreinschauen, wenn sie ihre Jeans zufällig unter irgendeinem Wäschestapel wiederfindet und alle Edellöcher gestopft sind?

Donnerstag, 1. Januar 2015

Silvesterkarpfen

Der Silvesterkarpfen gehört für mich zu Silvester wie das Feuerwerk. (Während man Karpfen aber jederzeit zwischen April und Oktober - den Monaten mit rrrrr - essen kann, ist Feuerwerk für mich ein silvesterspezifisches Zubehör.) 
In meinen Kinder-und Jugendjahren hat immer mein Vater den Karpfen zubereitet. Es gab einen präzisen Zeitplan für jeden einzelnen Kochschritt, und so wurde im Laufe der Jahre aus der Zubereitung des Karpfens für mich ein echtes Ritual. Das Gemüse wurde in exakt gleichgroße Stifte geschnitten, die Gewürze kamen in ein Gazesäckchen, das aus einer Mullplatte aus dem Verbandskasten geschnitten war, die Meerrettichbutter wurde liebevoll gerührt, Zitronenachtel geschnitten, und der von den netten Verkäuferinnen bereits halbierte Karpfen (mein Papa zeigte immer mitleidheischend seine fingerarme Zimmermannshand, da war das dann ohne Aufpreis dabei) kam in seinen Gemüsesud, wenn die Kartoffeln angesetzt wurden, dann waren beide gleichzeitig gar. (Test: Wenn man eine Flosse einfach herausziehen kann, ist der Fisch auf den Punkt gegart.)
Nachdem ich meinen eigenen Haushalt gegründet hatte, gab es auch bei uns immer Silvesterkarpfen. Woher ich den Fisch in den ersten Jahren geholt habe, weiß ich nicht mehr. Einmal, daran erinnere ich mich, hatten wir einen vom Discounter, aus der Gefriertruhe. Zum Auftauen legten wir ihn ganz oben auf den Küchenschrank, wegen der Katzen. Als wir am Silvestermorgen aufwachten, waberte ein infernalisch schlammiger Fischgestank durchs Haus, dessen Ursprung schnell ausgemacht war: Unter der Treppe lagen die zerfledderten Reste des Karpfens. Jetzt dämmerte mir auch, daß ich das rhythmisch wiederkehrende Klopfen in der vergangenen Nacht nicht geträumt hatte, sondern daß es sich dabei um die unzähligen Sprungversuche unseres Katers handelte, der verzweifelt versucht hatte, vom Papageienkäfig aus auf den 1,10m entfernten Küchenschrank zu springen. Eigentlich kein Problem, aber der optimalen Flugkurve war die nur 40cm entfernte Küchendecke im Weg. Irgendwann hat er es dann aber offensichtlich geschafft. Wir haben dann noch schnell Forellen gekauft.
Seit wir in Jena wohnen, hole ich den Fisch von einer Forellenzuchtanlage. Meistens fällt mir erst am Silvestermorgen ein, daß wir einen Karpfen brauchen. Ich rufe gleich nach dem Aufstehen, also um 10 Uhr, dort an, versichere, daß ich bis halb 12 da bin und freue mich auf einen frisch geschlachteten Fisch. So auch heute. Als die Tüte auf dem Tisch neben der Kasse lag, hatte ich so ein komisches Gefühl und fragte sicherheitshalber nach, ob der auch wirklich tot sei. Ja. Jaaaa. Jaja, natürlich.
Warum ich das fragte? Als ich klein war, hat mal ein geschlachteter, also: toter! Karpfen dermaßen im Kühlschrank meiner Eltern randaliert, daß da ein paar Teile zu Bruch gingen. Zwanzig Jahre später fuhren unsere Kinder mit Opa den Silvesterkarpfen holen und erzählten aufgeregt, daß es während der gesamten Fahrt im Kofferraum gerumpelt habe wie verrückt, der Karpfen war da in seiner Tüte herumgesprungen....
Ooohhhm, jetzt habe ich den Spannungsbogen der Geschichte gebrochen stimmt's? Man ahnt, was jetzt kommt, oder?
Also, ich hatte ein komisches Gefühl. Aber die Tüte war still. Beziehungsweise der Karpfen da drin. Zu Hause legte ich ihn auf den Küchentisch. Spannung. Alles war gut, der Fisch war tot. Vorsichtig knotete ich die Tüte auf, schaute dem toten Fisch ins Auge. Klar. Klar, der Fisch war ja frisch. Da sind die Augen noch klar. Und schauten mich an. Heimtückisch. Vorsichtig legte ich eine Hand auf den Fisch. Kalt. Tot. Aber irgendetwas war unheimlich, da war so eine eigenartige Spannung in dem Fisch. Scheinheilig säuselte ich zuckersüß: "Schaaaatz, kannst Du bitte mal gucken, ob der Fisch wirklich tot ist?"  Ja, tot, sagt er nach der Prüfung, alles roger. Mein lieber Mann ging noch schnell einkaufen. Und war weg. Wie immer, wenn man seinen Mann mal braucht.
Der Gemüsesud war inzwischen fertig, ich setzte das Wasser für die Essigbrühe auf, um den Karpfen zu bläuen und griff nach dem Messer, um den Fisch zu halbieren. DA SPRANG DAS VIEH IN WELLENFÖRMIGEN BEWEGUNGEN QUER ÜBER DEN KÜCHENTISCH! 
Ich weiß nicht, wie ich dahinkam, aber ich fand mich laut kreischend auf dem Hof wieder. Der Nachbar, der dort gerade mit seinen Kindern spielte, schaute mich entgeistert an. "Der Fisch lebt noch", keuchte ich nur, "der lebt noch und zappelt!" Dann sackte ich heulend auf der Treppe vor dem Haus zusammen.
Irgendwann wagte ich mich wieder zurück ins Haus. Dort hatte meine Tochter das Regiment in der Küche übernommen. Mutig schwang sie das Messer. "Wo soll ich den jetzt durchschneiden?" Als ich es ihr zeigen wollte, legte das Vieh wieder los. Mein gellendes Geschrei schallte vermutlich durch das ganze Viertel. 
Irgendwann zwei Schnäpse später lagen zwei kopflose Hälften Fisch auf dem Tisch. "Leg mal eine Hälfte in die Spüle", wies ich meine Tochter an, "ich will das Essigwasser drübergießen". Als die ersten Tropfen auf dem Fisch trafen, zuckte das Viech wieder, ich schaffte es noch bis ins Wohnzimmer, dann sank ich schluchzend auf dem Stuhl nieder. "Komm her, der kann jetzt in den Topf" rief es aus der Küche. Zitternd wankte ich in dorthin, die erste Fischhälfte verschwand im Topf - und sprang fast wieder heraus: Der Karpfen zappelte immernoch, IM KOCHTOPF!
Um es nochmal zusammenzufassen: Zwei Stunden nach dem Schlachten, ohne Innereien, halbiert, ohne Kopf, bereits im kochenden Wasser, hüpft dieser Fisch durch meine Küche. Ich war fix und fertig und griff heulend zum Telefon. Die Nummer vom Fischzüchter war noch eingspeichert. "Ich habe Sie gefragt, und Sie haben mir gesagt, das Vieh ist tot, und jetzt springt der durch meine Küche und randaliert, das ist nicht fair"  schrie ich ins Telefon. "Sagen Sie nächstes Jahr einfach Bescheid, wir haben eine Maschine, wir halbieren Ihnen den Fisch gern", hörte ich. "Nächstes Jahr", schrie ich, "nächstes Jahr gibt es keinen Fisch, da gibt es höchstens noch Rührei! DAS ist garantiert TOT!"

Dienstag, 28. Oktober 2014

Schwapp!



Gestern Abend zog ich wieder einmal als Nachtwächtersweib durch die Gassen. Auf längeren Strecken singe ich dann gern mal eine Strophe aus einem passenden Lied von Bach. Bisher kein Problem. Aber jetzt ist mit dem Beginn des neuen Semesters offenbar in eine der WGs ein ziemlich jähzorniger Mensch gezogen, der zudem noch früh schlafen geht, jedenfalls brüllte gestern um 20.55 Uhr jemand von irgendwo hoch oben ein wütendes "Ruhe" und schickte zur Bekräftigung seines Wunsches nach Stille einen ordentlichen Schwaps Wasser hinterher. Der traf einen meiner Gäste. Zum Glück nahm der es mit Humor.
Und ich überlege jetzt, ob ich das künftig aus Versicherungsgründen vorab als mögliches Risiko angeben muß Vielleicht so: "Bitte denken Sie an das Mitführen eines Regenschirmes, da ich bei Wasserschäden jegliche Schadenersatzansprüche zurückweisen werde!"

...Oder ich baue das als festen Bestandteil ein, zahle dem Typen 10€ und erhöhe den Preis für die Führung....

Sonntag, 11. Mai 2014

Bahnerlebnis

Wir sind heute ganz fleißig von Oberweimar aus über den Belvederer Forst (Hainturm) und Belvedere an der van-de-Velde-Villa vorbei (natürlich mit Besichtigung) und dann durch den Park an der Ilm bis zum Frauenplan gewandert und geradelt (teils-teils), das waren 14km, haben uns dann mit super Kuchen aus der Manufaktur belohnt und sind mit dem Zug wieder heimgefahren, wo wir dann noch ein Erlebnis hatten: 
Zwei 15jährige Blondinen fragten sich, wie lange es wohl noch bis Grimmenthal dauern würde, wo sie in den Zug nach Meiningen steigen wollten. Als ich ihnen sagte, daß dieser Zug nach Zwickau fährt, nix Grimmenthal, waren die total entsetzt. Meine Vermutung "Geographie abgewählt, wa?" wurde flugs bestätigt, bevor man diskutierte, zu welcher Fake-Diagnose man wohl am nächsten Tag den Doktor bewegen könnte, um den 8-Stunden-Unterrichtstag verschlafen zu können. Der langhaarige Dauerstudent neben mir brummte nur: "Is och nüscht mehr los mit der Jugend heutzutage!" Blondie 1 rief  daraufhin zu Hause an: "Gib mir mal die Mama, aber zack" (da war wohl der kleine Bruder dran) und erklärte der Mama, man sei im falschen Zug, werde in Jena aussteigen und dann ein Taxi nach Meiningen nehmen. Sämtliche Reisende im Abteil hielten den Atem an. Mama hat dann vermutlich die Kostenübernahme verweigert, weshalb man wieder zu Diskussionen über das weitere Prozedere überging, und beschloß, meinem Vorschlag zu folgen: in Jena aussteigen, mit dem nächsten RE zurück nach Vieselbach-West (für Outsider: so heißt in Jena die Landeshauptstadt) und dann (am besten mit Hilfe) in den richtigen Zug einsteigen. 
Die Mädels hatten zwar ein Smaadfohn dabei, waren aber offenbar unfähig, die Bahn-App zu verwenden und die Zugverbindung herauszusuchen. Blondie 2 hatte ja auch verkündet, den Informatik-Unterricht regelmäßig zu schwänzen. Blondie 1 berichtete, es sei schon mal statt in der Landeshauptstadt in Bayern gelandet, weil "sowas Komisches vorne am Zug gestanden habe, da wußte es nicht... 
Na, mal sehen, was übermorgen die BLÖD-Schlagzeile ist!
"Zwei orientierungslose deutsche Blondinen in Galizien vor dem Hungertod gerettet"...


Montag, 7. Oktober 2013

Auf Wiedersehen.

Au Backe, ist die Warteschlange im Supermarkt wieder lang! Dafür habe ich genügend Zeit, den Kassierer zu beobachten. Jau, das ist wieder so ein Jungspund, der allen Kunden ein muffeliges "Hallo" entgegenbrummt, ohne Ihnen ein einziges Mal in die Augen zu sehen. Zur Verabschiedung folgt dann folgerichtig ein beiläufiges "Tschühüüs". Hallo!? Gab es nicht mal ein freundliches "GutenTag"?
'Na warte, Du Bürschchen', grummelt es in mir. Als ich an der Reihe bin, grüße ich laut und herausfordernd "Guten Tag!"  " 'llo", brummt es zurück. Und wider Erwarten muß ich innerlich grinsen. Da ist also das italienische Wanderweg-Gruß-Syndrom an den deutschen Supermarktkassen angekommen!
Während der Jungspund meine Artikel akribisch genau über den Scanner zieht, denke ich an unsere Wanderungen zurück. In Spanien, besonders in der Tramuntana, ruft man den Wandernden einfach ein fröhliches "Olà" zu. Handelt es sich um sehr ältere Eingeborene, zu erkennen am Vorkriegsrucksack und den selbstgeschnitzten Wanderstöcken, ist man mit einem freundlichen "Bon dìa" gut beraten. 
Ganz anders verhält es sich in Norditalien. Hier stehen im Wesentlichen vier Grußformeln zur Auswahl: "Buongiorno" als hochsprachliche Variante und "Giorno" als deren gekeuchte Kurzform beim Aufstieg, "ciao" und "salve" als sportlich-salopper Insidergruß und "Bon dì!" für ältere Eingeborene (erkennbar an - siehe oben) im Piemont und in der Lombardei. 
Nun könnte man ja denken, wenn man seinen Gruß entsprechend der entgegenkommenden Person wählt, wird man ebenso zurückgegrüßt, aber denkste! Ich liege IMMER daneben, garantiert. Grüße ich die jungen, sportlichen Männer mit "ßalveeee", ertönt ein strammes "Buongiorno". Sage ich zu älteren Damentrio  konservativ "Buongiorno", erwidert man garantiert "ciao", und wenn ich es mit "ciao" versuche, lautet der Rückgruß - Salve! 
In Südtirol kommt noch eine erschwerende Komponente hinzu: Die Wanderer können Südtiroler oder Italiener sein, und erstere freuen sich eher nicht über einen italienischen Gruß, sondern über ein Grüß Gott. Damit habe ich nun wieder ein Problem, denn was antwortet man darauf? Ein Freund in Jugendzeiten hat es mal mit "Waidmanns Heil" versucht und dafür vernichtende Blicke geerntet.
Inzwischen ist der Jungspund an der Kasse fertig, nennt mir die Zahlsumme. Ich stecke das Wechselgeld ein und warte auf seinen Abschiedsgruß. "Schüss", säuselt er. Ich atme tief ein, denke an den Urlaub, meine stets falsch gewählten Grußvarianten und antworte freundlich: AUF WIEDERSEHEN!

Sonntag, 23. Dezember 2012

Mach das Radio an!

Kennen Sie dieses Lied von den Wise Guys? Da sitzen zwei im Auto, schalten das Radio an und fahren einfach so der Sonne entgegen. Nachdem sie richtig laut aufgedreht haben, natürlich.
Nach dem Kauf unseres jetzigen Autos habe ich auch ein Radio dazu erworben. (Da wir einer Billigmarke anhängen, war das Radio nicht inklusive.) Mein Kriterium Nummer 1: Übersichtliche Anordnung der Knöpfe. Je einen für an/aus, Sendersuche, nächster Titel, CD/Radio, fertig.  Mir nützt kein 3-Knopf-Design mit sieben Untermenüs, wie soll ich die beim Autofahren bedienen? Auch eine geometrische Anordnung von 4x4 Knöpfen ist sinnlos, wie trifft man die beim Fahren? 
Das gewählte Radio war...okay. Es spielte CDs ab und man konnte manchmal Radio hören. Wenn man nicht gerade in Richtung Weimar fuhr, weil nämlich im Mühltal kein Empfang ist, und auf dem Kreisel bei Globus auch nicht, und wenn man dann nach Weimar  kam, dudelte auf dem Knopf, unter dem eigentlich DLF gespeichert war, irgend so ein Dudelsender, auf dem einem irgendwelche stets bombig gelaunten Frohmenschen ständig irgendeinen Blödfug erzählten. Nach Osten hin geht es bis zum Hermsdorfer Kreuz, dann ist der Sender weg  und kommt nie wieder, nach Norden geht es bis Weißenfels. In Richtung Bayern legen wir lieber gleich ein Hörbuch ein, man weiß ja nie.
Als es nun zum 4. Advent wieder nach Prag ging und wir erwartungsfroh die neue Aufnahme des Weihnachtsoratoriums einwarfen, in den Player natürlich, tat sich gar nichts. Außer daß mir auf einer Kreuzung in Chemnitz, einst Karl-Marx-Stadt, beinahe ein Irrer ins Auto gekracht wäre, als ich bei Grün eine Kreuzung überquerte. Ich überlege noch, ob das ein Zeichen war. 
Jedenfalls ist der CD-Player hin, und da der Radioempfang ja, wie eben geschildert, auch nicht so der Hit war, beschlossen wir, ein neues Radio zu kaufen. Der Liebste suchte die einschlägigen Tests durch und nannte mir die Siegerfabrikate. Beim Lesen der Bewertungen geriet ich arg ins Zweifeln. Fassen wir zusammen: Ich möchte ein Autoradio mit gutem Empfang kaufen, das auch CDs abspielen kann. Darüber sagen die Bewertungen kaum etwas aus, allerdings wimmelt es da von Begriffen wie Bluetooth, BT-Modul, A2DP-Audiostreaming, Telefonbuch mit Sortierung nach Vor- und Nachnamen, Mittelnippel, Mikrophonprofile, Rückkopplungseinstellungen, Drehregler mit ringförmiger Bedienwippe, iPod-Affinität, Sound Enhancer, Sound Realizer, Sound Elevation, Flip Down Panel, Direct und Related-Search, Alphabet & Skip-Search und All Random, diverse Illuminationseffekte, Dual Zone, -Supreme +- Klang-Tuning-Technologie...
Besonderer Wert wird darauf gelegt, ob ich erst das Handy und dann das Radio einschalte oder umgekehrt, weil sonst die Bluetoothrückkoppelung zu diversen Random-Streamings führt und die Sortierung des Mittelnippels in der Dual-Zone das Mikrofonprofil verzerrt.
Eigentlich aber möchte ich ja nur beim Autofahren D-Radio hören und ab und zu mal ein Hörbuch.
Wir haben da noch so ein Kofferradio. Das spielt auch Kassetten ab und funktioniert mit Batterien. Wenn ich das hinten mit Kabelbindern an den Haltebügel hänge (an dem sich eventuelle Mitfahrer immer festhalten, wenn ich in die Kurve gehe), müßte das gehen. Damit kann ich zwar nicht telefonieren, aber das ist ja im Auto eh verboten!


 

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Träume

Träumen Sie eigentlich in Farbe oder s/w?  Und wenn Sie Brillenträger sind, haben Sie die Brille auch im Traum auf der Nase? Träumen Sie als Sie selbst oder sehen Sie sich von außen? Und haben Sie auch schon mal in Fortsetzungen geträumt? Erinnern Sie sich am nächsten Morgen noch an Ihre Träume, und wenn ja, wissen Sie immer, was diese bedeuten? 
Psychologen behaupten ja, man arbeitet im Schlaf unbewältigte Probleme auf. Falls Sie das ohne fachliche Hilfe nicht hinbekommen, gibt es genügend Traumdeutungsbücher. In meinem Bücherregal stehen deren zwei. Beim Blättern kann man sich oftmals des Lachens nicht erwehren. Würde ich zum Beispiel im Schlaf von einem Hausmädchen träumen (was ich zugebenermaßen im Wachzustand oft tue), hieße das nach Ferdinand Schmidt, daß Zank und Streiterei ins Haus stehen. Träumte ich hingegen von einem Hammel, wird mir nach dem indischen Traumbuch ein hohes Amt angetragen. Wenn ein Chinese durch meinen Traum läuft, werde ich ein eine ferne Gegend kommen, in der es mir sehr gut gefällt. Hoffentlich ist das nicht China, ich kann nämlich nicht Chinesisch!
Apropos Chinesisch:
Man kann eine fremde Sprache erst dann richtig, wenn man in ihr träumt, heißt es.
Vor Zeiten habe ich in Prag studiert und auch tatsächlich auf Tschechisch geträumt. Später studierte ich noch Italienisch, und meine Träume wurden sehr  interessant. Ich  erinnere mich daran, daß ich mich einmal quälte, weil einer meiner Traum-Gesprächspartner ein Wort verwendete, das ich im Traum nicht kannte. Im Traum schaute ich damals im Wörterbuch nach und fand das Wort auch, konnte mich aber am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnern. 
Eine weitere Stufe war, daß ich aufwachte, als ein unbekanntes Wort im Traum auftauchte, die Treppen nach unten ins Wohnzimmer ging und das Wort in realo im Wörterbuch suchte. Das habe ich mir dann auch gemerkt.
Jetzt habe ich eine neue Herausforderung gesucht. Auf unserer Istanbul-Reise hat es mich halb wahnsinnig gemacht, daß ich nichts verstanden und es auch nicht geschafft habe, mir einfachste Wörter wie bitte, danke, tschüs auf Türkisch zu merken. Höchstens noch "danke", weil das auf Türkisch so ähnlich klingt (tesekkür ederim) wie das ungarische "bitte" (tesék). Als aber im Hafen an einem Makrelen-Grill-Imbiß-Boot das Wort bismillahirrahmanirrahim angeschrieben stand, brauchte ich mir gar keine Mühe zu geben - das war sofort wie eingebrannt, obwohl ich wirklich keinerlei Bezug zum Inhalt habe: im Namen Allahs des Allerbarmers des Barmherzigen. Es klingt einfach schön. 
Aber für unsere nächste Reise möchte ich ein paar Wörter mehr draufhaben, also habe ich einen Türkischkurs belegt. Und es ist wieder wie verhext: Ich  schaue ins Buch, ich schreibe, alles gut, ich verstehe das, durchschaue die Agglutination (alles wird hinten angehängt: ev - Haus, evler - Häuser, evlerim - meine Häuser, evlerimde - in meinen Häusern), es ist also alles bestens. Aber kaum hebe ich meinen Blick, ist mein Hirn leer. Kein einziges Wort ist noch da. Schaue ich wieder hin, weiß ich die Vokabeln wieder. Das ist wie in Otto Reutters Lied vom Überzieher, kennen Sie das? Da hängt einer seinen neuen Mantel im Restaurant an den Haken, hat aber Angst, er würde ihm gestohlen, deshalb starrt er beständig darauf. Und wenn er wegschaut - "...schau ich weg von dem Fleck, ist der Überzieher weg!"
Gestern Abend habe ich fleißig gebüffelt, bis mir der Kopf schwirrte, und hatte dann heute Nacht ein riesiges Erfolgserlebnis: Ich habe auf Türkisch geträumt! Leider habe ich kein einziges Wort verstanden, aber bis zum Ende des Kurses wird das vielleicht noch besser! Dazu müßte ich nur noch vom Buttern träumen, denn das bedeutet, daß einem das gelingt, was man gerade begonnen hat! Also dann: Bismillahirrahmanirrahim!

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Stella in den Duden

Die Sonne scheint. Es ist Wochenende. Gibt es eine bessere Gelegenheit, sich die neuen Stella-Werke anzusehen? Die Türen öffnen sich, wir treten in eine lichtdurchflutete Halle. Kunterbunte Gebilde kringeln sich aus den Wänden wie der Rauch von Stellas Zigarren, große bunte Bilder bauen sich vor uns auf. 
Wir sind fröhlich, gehen rechts und links um die Ecke - und sind enttäuscht, schon am Ende angekommen zu sein. Die Heiterkeit im Herzen nehmen wir mit. 
Wenige Tage später stehen Besuchermeinungen zum Nachlesen in der Zeitung. Die Besucher sind 5, 7, 10 Jahre alt.  Unser Hit ist:
"Den Namen Stella kenne ich. Meine Eltern haben schon mal gesagt, in meinem Kinderzimmer sieht es aus wie bei Stella!" 
Früher hieß es noch "wie bei Hempels unterm Sofa"; bei Thorben-Malte-Jeremy sieht es jetzt aus "wie bei Stella". 
Wir meinen: Das muß in den Duden!

Freitag, 14. Oktober 2011

Frank Stella

Ich erinnere mich noch genau an jenen Tag 1998. Ich war krank und konnte daher meinem Studi-Job in Jena nicht nachgehen. Mein lieber Mann kam am Abend nach Hause und berichtete, daß man auf dem Campus in Jena moderne Kunstwerke aufgestellt habe, "Schrotthaufen", geschaffen von Frank Stella, und die Leute seien schwer am Diskutieren. Ich war begeistert. "Das gefällt mir garantiert," rief ich. Und es war so!
Ich habe zu moderner Kunst ein sehr einfaches Verhältnis. Ich schaue mir die Sachen an und finde sie spontan entweder schön oder nicht. Dazwischen gibt es eigentlich nichts. Was genau da zu mir spricht, kann ich nicht sagen. Ist es die Farbe, die Form, der Charakter?
Die "Schrotthaufen" sind für mich eine fröhliche optische Entlastung inmitten von Symmetrie, rechten Winkeln und schlichtem Beton allüberall. Bei extremen Minustemperaturen verändern die Metalle ihre Farbe, und he!, es gibt sogar einen Geocache an einem der Stücke.
Jetzt ist Frank Stella zurück in Jena, er war sogar real in persona hier - zum Aufbau einer neuen Ausstellung. Diese vereint die größte Anzahl an Stella-Werken weltweit und zeigt zahlreiche Stücke, die vorher noch nie gezeigt wurden.  
Eh, das ist Spitze! Jena in einer Reihe mit Bielefeld, Düsseldorf und London (da mit der Tate Gallery)! Das kann man doch nur gut finden.

P.S. Der Eintritt ist frei.

Professor Franz Joachim Verspohl, der mit Stella befreundet war und ihn damals nach Jena geholt hat, wäre glücklich gewesen, hätte er das noch erleben dürfen.